11 Kmh Zu Schnell Innerorts
We alle kennen das. Da fährt man gemütlich durch die eigene Stadt, denkt an den Einkauf, an den Termin, an den blöden Vogel, der einem gerade vor die Scheibe geflogen ist. Man fühlt sich sicher, man ist im Flow, die 30er-Zone ist doch völlig okay. Und dann BLITZT es.
Nicht ein gewaltiges, apokalyptisches Blitzgewitter. Nein. Ein kurzes, fast schüchternes Aufleuchten. Wie ein müdes Glühwürmchen, das dir einen fiesen Streich spielen will. Und dann, drei Wochen später, die Post. Brief vom Amt. Du reißt es auf, die Hände zittern leicht. Und da steht es: „11 km/h zu schnell innerorts.“
Die Physik des entspannten Fracks
Elf Kilometer pro Stunde. Kein Raser-Tempo. Kein Held der Autobahn. Das ist das Tempo eines eleganten Joggers, der seinen Kaffee noch nicht getrunken hat. Oder das eines besonders ambitionierten Fahrradfahrers mit Rückenwind. Es ist das Tempo, mit dem mein Opa früher seinen Hund Gassi geführt hat – nur dass der Hund nie einen Strafzettel bekam.
Du stellst dir den Beamten vor, der das Foto auswertet. Er sitzt da, nippt an seinem Kamillentee, und denkt: „Ah, hier haben wir einen gefährlichen Kavalier. Der ist ja sage und schreibe 11 km/h schneller als ein hummelnder Schmetterling. Das muss bestraft werden.“
Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit?
Ehrlich mal. In der Zeit, die du brauchst, um diesen Brief zu lesen und das Bußgeld von 30 Euro zu überweisen, könntest du drei Tafeln Schokolade kaufen. Oder eine vernünftige Mütze. Oder fünfzehn Brötchen beim Bäcker. Stattdessen fließt das Geld in die Kasse der Stadt. Die Stadt sagt: „Danke für die Kaffeekasse!“
Ich stelle es mir bildlich vor: Du sitzt im Auto, die Ampel wird grün, du beschleunigst ganz normal. Und irgendwo, in einer dunklen Ecke, steht ein Zauberkasten, der dein Leben für einen Sekundenbruchteil festhält. Nicht das Leben mit dem tollen Urlaub oder dem süßen Kätzchen – nein, das Leben mit Tacho 41 statt 30. Ein Meisterwerk der Bürokratie.

Die Elefantenfalle der Straßenverkehrsordnung
Im Vergleich zu anderen Vergehen wirkt das wie eine Elefantenfalle für eine Ameise. Während jemand mit 30 km/h zu schnell wie ein Rallye-Fahrer abgestraft wird, bist du der Typ, der auf dem Weg zum Bäcker kurz „vergisst“ zu bremsen. Es ist die Banalität des Bösen – oder zumindest die Banalität des „Hätte-ich-nicht-noch-schnell-die-Musik-lauter-gemacht“-Bösen.
Ich kenn einen, der hat mal geblitzt. Ein Freund. Der lachte noch, als er das Bild sah: Er grinste wie ein Honigkuchenpferd, eine Hand am Lenkrad, die andere am Kaugummi. Ein Freundschaftsfoto mit dem Amt. Jetzt hat er das Bild gerahmt im Flur hängen. „Meine teuerste 11-km/h-Fahne“, sagt er. Ich finde, das hat Stil.
Wie man sich fühlt
Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es ist, als würde man in einer Bar einen netten Plausch führen und dann vom Kellner eine Rechnung für die Luft bekommen, die man geatmet hat. Es ist unfair, aber irgendwie auch komisch. Du willst schimpfen, aber dann musst du lachen. Denn du weißt: Tief im Inneren bist du kein Verbrecher. Du bist ein kleiner, wilder Junge oder ein kleines, wildes Mädchen, das die 30er-Zone ein bisschen zu wörtlich genommen hat.

Das Schlimmste? Die Rechtfertigung. Wenn du Freunden erzählst: „Ich wurde geblitzt – 11 km/h.“ Dann kommt der Satz: „Nur 11? Krass, schon blöd.“ Und du stehst da, wie bestellt und nicht abgeholt. Du hast ein offizielles Andenken an einen ganz normalen Moment.
Die Lehre daraus
Ich habe gelernt: Lies den Tacho, nicht die Landschaft. Oder noch besser: Fahre immer exakt 29 km/h durch die Stadt. Dann bist du der gemütliche Rentner, den alle überholen, aber der nie Post vom Amt bekommt. Oder du machst es wie mein Nachbar: Der fährt mit dem Fahrrad, und wenn er geblitzt wird (was kaum passiert), trägt er einen Helm mit eingebautem Blitzerwarner. Der ist clever, der Alte.
Aber die Moral von der Geschicht? Pass auf am Ortseingang. Denn dort, hinter der Hecke, hinter dem Busch, hinter dem nichts zu sehen ist, lauert das Schicksal. Und es hat einen sehr genauen Maßstab: 11 km/h zu schnell sind genau das Maß an Chaos, das deine gute Laune für einen Nachmittag killt. Aber hey – es hätten auch 12 sein können. Und dann wärst du ein echter Raser. Glück gehabt, du Verkehrsrowdy!
Bleibt entspannt. Und zahlt die 30 Euro. Das nächste Mal nehmen wir dann die Kutsche.
