1110 Wien 11 Bezirk Simmering Wien
Stell dir vor, du sitzt in der U3, Richtung Simmering. Die meisten Leute steigen vorher aus. Die, die bis zur Endstation fahren, haben oft einen bestimmten Grund: Sie wollen zum Zentralfriedhof, eine Runde drehen im Schloss Neugebäude oder einfach nur nach Hause. Aber der 11. Bezirk – offiziell 1110 Wien – ist viel mehr als nur die große Verabschiedungsstätte der Stadt. Er ist eine wilde, wunderbare Mischung aus Industriegeruch, kitschigen Gärten und einer Seele, die man auf den ersten Blick nicht vermuten würde.
Der Friedhof ist erst der Anfang
Klar, der Zentralfriedhof ist ein Superlativ. 2,5 Quadratkilometer Ruhe. Hier liegen nicht nur Beethoven, Schubert und Falco – nein, hier leben auch Füchse, Hasen und ein Haufen cleverer Krähen. Es ist der einzige Ort in Wien, wo man zu Gräberkitsch sagen kann: "Wow, den Grabstein muss man sich angesehen haben!" Und das Beste? Im Sommer isst man beim Heurigen direkt am Friedhofsgelände (ja, wirklich, zwischen Grab und Garten) einen Brettljause. Das klingt makaber, ist aber urgemütlich.
„Man isst den besten Leberkäse Wiens, während man über die Frage sinniert, wie oft man eigentlich noch 'Ehre seinem Andenken' sagen kann, bevor es albern wird.“
Das Schloss, das keiner kennt
Ein paar Schritte weiter, versteckt hinter Bäumen und Müllcontainern, liegt Schloss Neugebäude. Kaiser Maximilian II. hat sich diesen riesigen, halbfertigen Renaissance-Palast gebaut, damit er seine Menagerie und seine exotischen Tiere bewundern konnte. Heute hat der Park eine ganz eigene Magie: Die Arkaden sind zugewachsen, überall wuchert Efeu, und manchmal denkt man, gleich kommt ein Pfau um die Ecke – oder ein verirrter Jogger. Es ist wie eine Lost Place-Location, die aber gratis und für alle da ist. Nicht kitschig, nicht perfekt – einfach mockig und ehrlich.
Rosi und der Duft von Keksen
Doch Simmering lebt nicht von toten Kaisern und noch toteren Komponisten. Es lebt von den Menschen. Da ist zum Beispiel die Simmeringer Haide. Früher ein riesiges Schlachthof-Areal, heute ein Gewerbegebiet, wo es nach Benzin und frisch gemähtem Gras riecht. Und mittendrin, in einer unscheinbaren Siedlung, lebt Rosi (Name geändert, aber der Geist ist echt). Sie backt jeden Samstag Topfenstrudel und verkauft ihn am Gartentor. Kein Instagram, kein Werbung – nur ein Pappschild: „Strudel 3 Euro. Bitte klingeln.“ Wenn du klingelst, öffnet sie im Morgenmantel, quatscht zehn Minuten über das Wetter und gibt dir dann einen Strudel, der besser ist als jeder Spitzenkonditor. Das ist Simmering.

Das Paradoxe: Asphalt und Idylle
Der 11. Bezirk hat ein PR-Problem. Er gilt als „grau“, „laut“ und „hässlich“. Aber das stimmt nur zur Hälfte. Natürlich raucht es dort aus den Fabrikschloten (vor allem bei OMA – der Öl-Milliarde im Hinterhof). Aber direkt daneben gibt es Kleingartenparzellen, wo die Leute ihre Zwerge frisch bemalen und um die Wette Zucchini anbauen. Es ist der Bezirk der Gegensätze: Du stehst im Stau der Simmeringer Hauptstraße, und fünf Minuten später wanderst du durch die Laaer Wälder und hörst nur die Vögel. Oder noch besser: Du fährst mit der Straßenbahnlinie 71 – der legendären Trauer-Linie zum Friedhof – und siehst zu, wie die Leute einsteigen, manche mit Blumen, manche mit Bierdosen, manche mit dem Kinderwagen. Selten war ein öffentliches Verkehrsmittel so lebensbejahend.
Fazit: Simmering ist wie ein gutes Schnitzel: Außen vielleicht etwas rau, kernig und fettig, aber innen weich, warm und überraschend lecker. Man muss nur einmal die Kurve kriegen und sich trauen, auszusteigen.
Also, nächstes Mal, wenn die U3 die Station Zentralfriedhof ansagt: Steig aus. Nimm den Strudel bei Rosi mit. Setz dich ins Schloss. Es gibt Schlimmeres, als in 1110 zu sterben – nämlich, es nie richtig kennengelernt zu haben.
