Netto Mit Oder Ohne Steuer
Stellen Sie sich vor: Sie stehen an der Kasse. Der Einkaufswagen ist voll. Vor Ihnen liegt das große, grüne „Netto“-Logo. Und dann kommt diese eine Frage, die die Republik spaltet. Eine Frage, die Philosophiestudenten in den Wahnsinn treiben würde: „Netto mit oder ohne Steuer?“
Ich weiß, ich weiß. Die meisten Menschen sagen sofort: „Mit Steuer, natürlich!“ Sie wollen den Endpreis. Sie wollen keine Überraschungen. Sie wollen Klarheit. Und ich? Ich sage: Ohne Steuer. Und ja, das ist meine unpopuläre Meinung.
Hören Sie zu. Wenn ich an der Kasse „Ohne Steuer“ sage, passiert etwas Magisches. Der Kassierer oder die Kassiererin schaut kurz hoch. Vielleicht runzelt er die Stirn. Vielleicht lächelt sie müde. Aber dann drückt er oder sie den Knopf – und auf dem Display erscheint eine Zahl. Eine Zahl, die sich nackt anfühlt. Wie ein Fisch ohne Wasser. Wie ein Pfannkuchen ohne Ahornsirup.
Warum mache ich das? Ganz einfach: Ich will das wahre Gesicht des Produkts sehen. Die Steuer, dieser unsichtbare, graue Bürokrat, versteckt sich hinter jedem Preisschild. Sie ist wie der Freund, der immer mitfeiert, aber nie die Getränke bezahlt. Beim „Mit Steuer“-Preis zahle ich für den Freund. Beim „Ohne Steuer“-Preis sehe ich, was wirklich los ist.
Nehmen Sie die Dose Bohnen. 0,89 Euro mit Steuer. Klingt okay. Aber wenn ich „Ohne Steuer“ wähle, steht da: 0,75 Euro. Plötzlich fühle ich mich wie ein Held. Ich habe den Schleier gelüftet. Ich sehe die nackte Bohne. Und ich denke: „Moment mal, 0,75 Euro für Bohnen? Das ist ein Skandal!“ Oder ein Schnäppchen. Je nachdem.

„Netto mit oder ohne Steuer“ ist der geheime Handschlag zwischen mir und der Realität. Ein kurzer Moment der Ehrlichkeit in einer Welt voller Verpackung.
Natürlich gibt es die Gegner. Sie sagen: „Das ist doch umständlich! Du machst dir das Leben schwer!“ Sie haben ja recht. Es ist umständlich. Ich stehe da, während die Schlange hinter mir ungeduldig wird. Der Kassierer muss zweimal hinschauen. Irgendwann piepst die Kasse. Die Leute hinter mir seufzen. Aber genau das ist der Punkt: Das Leben soll ein bisschen schwer sein. Es soll Fragen stellen. Es soll uns zwingen, nachzudenken.
Stellen Sie sich vor, wir würden alle „Ohne Steuer“ sagen. Die Supermärkte müssten die Preise doppelt auszeichnen. Große Schilder: „OHNE STEUER: 1,20 € – MIT STEUER: 1,43 € (OK, IHR HABT GEWONNEN)“. Die Steuer würde plötzlich sichtbar. Sie wäre nicht mehr dieser unheimliche Shadow, der im Hintergrund lauert. Sie wäre ein Gast im Raum, den man begrüßen oder auch nicht begrüßen kann.

Und ehrlich: Fühlt es sich nicht ein bisschen rebellisch an? Ein bisschen wie Rauchen in den 80ern? „Ich nehme Netto ohne Steuer!“ – Zisch. Plötzlich bin ich kein passiver Konsument mehr. Ich bin ein Steuer-Punk. Ein Finanz-Anarchist. Mit einer Dose Bohnen in der Hand.
Am Ende des Tages landen alle gleichen Betrag auf dem Bon. Ja, ich weiß. Die Steuer kommt immer. Sie ist wie die Schwerkraft. Aber indem ich „Ohne Steuer“ wähle, mache ich die Schwerkraft sichtbar. Ich feiere ihre Existenz nicht einfach still. Ich zeige mit dem Finger auf sie und sage: „Da bist du also!“

Also, beim nächsten Einkauf: Probieren Sie es aus. Sagen Sie es laut: „Netto, bitte ohne Steuer!“ Die Kassierer werden Sie seltsam ansehen. Ihre Kinder werden fragen: „Papa, ist das legal?“ Antworten Sie mit einem Lächeln: „Es ist nicht illegal – es ist philosophisch.“ Und dann zahlen Sie. Mit Steuer. Natürlich. Aber Sie haben gewonnen. Die Steuer hat einen Namen bekommen. Und Sie haben den Moment genossen.
Netto mit oder ohne Steuer? Für mich: Immer ohne. Wenigstens im Kopf.
