Spar St Georgen An Der Gusen
Stell dir vor: Du stehst an einem verregneten Nachmittag in Oberösterreich, die Luft riecht nach nassem Stein, und vor dir liegt ein kleiner Ort, der normalerweise in keinem Reiseführer auftaucht.
Ich war dort, ehrlich gesagt, eher zufällig. Mein Navi schickte mich auf eine Schleichstraße, und plötzlich stand ich vor einem unscheinbaren Gebäude mit einem roten Spar-Logo. „Na super“, dachte ich, „wieder nur ein Supermarkt.“ Aber halt. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Fassade wirkte alt, irgendwie massiv und schwer, als hätte sie Geschichten zu erzählen, die keiner hören will. Und genau da – zwischen den Regalen mit Butter und Nudeln – wurde mir klar: Das ist kein gewöhnlicher Spar.
Willkommen in Spar St. Georgen an der Gusen. Ja, du hast richtig gehört: Ein Supermarkt als historischer Ort. Klingt absurd, oder? Aber genau das macht diesen Ort so unglaublich faszinierend. Denn dieser Spar steht auf dem Gelände des ehemaligen KZ Gusen – einem der brutalsten Außenlager des KZ Mauthausen. Zwischen 1940 und 1945 wurden hier zehntausende Häftlinge zur Zwangsarbeit in den unterirdischen Stollen getrieben. Viele überlebten nicht. Und heute? Heute kaufen Leute hier Butter, Brot und vergessen darüber vielleicht die Steine unter ihren Füßen.
Ein Ort der Paradoxien
Lass uns kurz innehalten. Ein KZ-Gelände, auf dem eingekauft wird. Klingt fast wie ein schlechter Witz, oder? Aber es ist Realität. Der Supermarkt liegt direkt neben den Überresten der Lagermauern, nur wenige Meter von der Gedenkstätte entfernt. Die Architektur des Marktes ist so gestaltet, dass er bewusst niedrig und unscheinbar bleibt – kein protziges Gebäude, das die Geschichte überstrahlt. Trotzdem: Wenn du dort stehst und deine Milch holst, kannst du durch das Fenster die Gedenktafeln sehen. Ich hab’ mich gefragt: Ist das pietätlos? Oder ist es das Gegenteil? Vielleicht ist es einfach nur ehrlich. Denn das Leben geht weiter – auch zwischen Grabsteinen der Vergangenheit.
Die Ironie des Alltags
Ich stand an der Fleischtheke und musste plötzlich schmunzeln – nicht vor Freude, sondern vor absurder Ironie. Hier, wo früher Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten, schneidet heute jemand meine Salami in dünne Scheiben. Ein älterer Herr neben mir kaufte eine Packung Salzstangen, als wäre nichts. Und das ist genau der Punkt. Die meisten Menschen, die hier einkaufen, sind wahrscheinlich nicht auf einer historischen Mission. Sie wollen einfach nur ihren Wocheneinkauf erledigen. Und ich? Ich stand zwischen Keksen und Tiefkühlpizza und dachte: „Wie kann man hier vergessen?“ Aber vielleicht ist genau diese Alltäglichkeit der eigentliche Gedenkakt – nicht das ständige Mahnen, sondern das Weiterleben, trotz der Schwere des Ortes.
Die Schatten der Vergangenheit
Wenn du den Supermarkt verlässt und um die Ecke gehst, triffst du auf das Lager Gusen – ein Ort, der immer noch unvollständig erforscht ist. Unterirdische Gänge, Reste von Baracken, ein stiller Appellplatz. Es ist nicht wie in Mauthausen, wo alles poliert und aufgeräumt wirkt. Hier rostet noch das Metall. Hier sprießt Moos durch die Risse. Diese „Unfertigkeit“ macht es ehrlicher, finde ich. Und dann, nur 200 Meter weiter, leuchten die Neonröhren des Spars. Zwei Welten, die sich berühren, ohne sich zu vermischen. Einige Bewohner von St. Georgen sagen, sie hätten sich dran gewöhnt. „Man kann nicht jeden Tag weinen“, sagte mir eine Frau beim Einkauf. Sie hatte recht. Und trotzdem fühlte sich dieser Satz an wie ein leichter Stich ins Herz.

Warum du diesen Ort besuchen solltest
Okay, ich sag’s dir direkt: Es ist kein Ziel für einen entspannten Ausflug. Du wirst hier nicht glücklicher rausgehen. Aber du wirst nachdenklicher sein. Der Spar in St. Georgen ist wie ein unfreiwilliges Mahnmal der Moderne: Er zeigt, wie das Leben sich durchsetzt, selbst auf den Steinen der Hölle. Und wenn du dann im Auto sitzt und dein Brot auf dem Beifahrersitz liegt, wirst du vielleicht einen Brotkanten abbeißen – und dabei an die denken, die hier nie satt wurden. Das ist heavy. Aber es ist auch okay. Denn genau so entsteht Erinnerung: nicht in Museen, sondern im Alltag, zwischen Angeboten und Pfandflaschen. Also, falls du mal in Oberösterreich bist: St. Georgen liegt nicht am Weg. Aber vielleicht solltest du trotzdem anhalten. Für einen Moment. Und für eine Packung Milch.
Side Note für dich: Die Gedenkstätte Gusen ist übrigens seit 2020 in einem Umbauprozess – ein Teil des Geländes wird neu gestaltet. Der Spar aber bleibt. Vielleicht ist das ja auch eine Art Gedenken. Dass das Leben weitergeht, aber nie vergisst. Kopf hoch, Augen offen.
