Fernsehen Aus Dem Internet
Also, ehrlich mal: Dieses ganze Fernsehen Aus Dem Internet. Ich habe eine wirklich unpopuläre Meinung dazu. Und die ist: Es ist ein einziger, großer, chaotischer, aber irgendwie auch genialer Wahnsinn.
Früher war das Leben einfach. Man kam nach Hause, ließ sich aufs Sofa plumpsen und drückte einen Knopf. Zack, „Der Alte“. Oder „Wetten, dass..?“. Man musste nichts aussuchen. Das Fernsehprogramm dachte für einen mit. Heute? Heute sitze ich da wie ein Hamster im Rad der Entscheidungen. Soll ich jetzt Netflix öffnen? Oder doch Amazon Prime? Oder etwa Disney+? Und wo ist überhaupt die Fernbedienung für Zattoo? Ich habe drei verschiedene davon. Dazu noch eine Tastatur, weil man sich ja einloggen muss. Wahnsinn!
„Früher war die größte Frage: ‘Läuft heute Abend was Gutes?’ Heute ist die Frage: ‘Welches Abo kündige ich als nächstes?’“
Das Schöne am alten Fernsehen war die Ohnmacht. Man war ausgeliefert. Wenn um 20:15 Uhr eine schlechte Komödie kam, dann sah man sie sich an. Oder man las ein Buch. Aber heute? Heute habe ich die Qual der Wahl. Ich scrolle 45 Minuten durch die Mediatheken. Ich suche die eine Serie, die mich glücklich macht. Und was passiert? Ich lande wieder bei „Die Pfefferkörner“ auf Kika, weil ich zu müde bin, um mich zu entscheiden.
Und dann ist da der andere Punkt: Die Technik. Mein Fernseher ist älter. Er ist kein Smart-TV. Also musste ich mir so einen Fire-TV-Stick kaufen. Super Idee. Nur leider hängt der Stick ständig. Wenn ich eine spannende Szene in „Dark“ gucke – puff – friert das Bild ein. Einfach so. Dann muss ich den Stick ausziehen, neu reinstecken und hoffen, dass die Synchronsprecher wieder mit dem Mund passen. Früher gab es nur Schnee im Bild. Heute gibt es Buffering. Echt jetzt?

Aber ich gebe zu: Es hat auch Vorteile. Ich kann zum Beispiel „Tatort“ aus dem Internet gucken. Den aus München, obwohl ich in Hamburg wohne. Und ich muss nicht warten, bis die ARD ihn wiederholt. Das ist schon cool. Oder ich kann mir „Game of Thrones“ ansehen, ohne dass mein Nachbar weiß, dass ich noch wach bin. Datenschutz durch Streaming. Sozusagen.
Und das allerschönste? Die Werbepausen! Ich hasse Werbung. Im Internet kann ich vorspulen. Ich sehe mir „Germany’s Next Topmodel“ in 20 Minuten an. Nur die wichtigen Szenen: Heidi Klum, Tränen, rausgeschmissen. Zack, fertig. Im echten Fernsehen müsste ich zwei Stunden leiden. Für die Umwelt spare ich damit auch Strom, oder? Naja, zumindest Bilanz-technisch.

Trotzdem: Manchmal vermisse ich die alte Einfachheit. Dieses gemeinsame Gefühl: „Heute Abend läuft ‘Titanic’ im ZDF.“ Alle schauen es. Man redet am nächsten Tag auf der Arbeit darüber. Heute sagt keiner mehr: „Hast du gestern ‘Tagesschau’ gesehen?“ Stattdessen heißt es: „Welche Podcast-Folge hast du gerade angefangen?“ oder „Hast du den neuen YouTube-Kanal von MrWissen2Go gecheckt?“ Es ist alles zersplittert. Wie ein Puzzle, wo man keine Kiste mehr hat.
Ich bleibe dabei: Dieses Fernsehen Aus Dem Internet ist ein Segen und ein Fluch zugleich. Aber es macht vor allem eins: Es macht uns zu Entscheidungsmuffeln. Und manchmal, ganz heimlich, da schalte ich meinen alten Röhrenfernseher an, der noch im Keller steht. Da kommt nur Mittelwelle. Aber das rauscht so schön. Da muss ich nichts auswählen. Da bin ich einfach nur Zuschauer. Und das ist, ehrlich gesagt, herrlich bescheuert.
